Holocaust-Zeitzeugin Vera Dotan erhält auf Vorschlag des Goethe-Gymnasiums das Bundesverdienstkreuz

Die Hölle wie durch ein Wunder überlebt

bundesverdienstkreuz vera dotanDer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel, Dr. Clemens von Goetze, hat in einer Feierstunde die Holocaust-Überlebende Vera Dotan mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Die Ehrengäste waren aus den USA und Europa angereist, um dieses Ereignis gemeinsam feiern zu können.

Mit dabei war auch eine Delegation des Bensheimer Goethe-Gymnasiums: Die Schule hatte Vera Dotan für die Auszeichnung vorgeschlagen. Die Goethe-Delegation bestand aus Schulleiter Klaus Holl, seiner Ehefrau Margrit Geffert-Holl, Fachbereichsleiter Heinz Löffler und den ehemaligen Schülern Lukas Becker und Kevin Kühn.

Holl und seine Frau, die Vera Dotan schon seit 16 Jahren persönlich kennen, hielten die Laudatio in englischer und deutscher Sprache. Die Angehörigen der Geehrten dankten dem Goethe-Gymnasium und insbesondere Heinz Löffler dafür, dass er sich für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes eingesetzt und die beiden ehemaligen Schüler mit nach Israel gebracht hatte.

Lukas Becker hatte während seiner Schulzeit eine Dokumentation über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Bensheim angefertigt und war auf Vermittlung von Vera Dotan einige Zeit an der zentralen Gedenkstätte für die Opfer des Holocausts Yad Vashem in Jerusalem tätig. Kevin Kühn lernte Vera Dotan bei mehreren Veranstaltungen und beim Schüleraustausch des Goethe-Gymnasiums in Israel kennen. In der Zwischenzeit haben sich seine Kontakte nach Israel weiter vertieft, und er spricht Ivrit.

"Am Holocaust verdient man nicht" - dies war und ist die Devise von Vera Dotan. So hat sie für all ihre Vorträge, die sie immer wieder auch ins Goethe-Gymnasium geführt hat, niemals Honorar genommen und die Exemplare ihres Buches "Aufstieg aus der Hölle", das sie gemeinsam mit ihrem Mann Miki geschrieben hat, stets an Interessenten verschenkt. "Mein Mann und ich hatten uns an die Arbeit für dieses Buch gemacht, nachdem wir immer wieder hören mussten, dass es den Holocaust gar nicht gegeben hat", so Vera Dotan.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn wurde Vera Dotan 1944 mit ihrer gesamten Familie von Budapest nach Auschwitz deportiert, wo der Vater unmittelbar ermordet wurde. Ihr Bruder starb später in einem anderen KZ an den Folgen der unmenschlichen Bedingungen. "Das erste Wunder in Auschwitz war, dass eine polnische Gefangene meine Mutter fragte, wie alt ich sei und dann erklärte, dass sie sagen sollte, ich sei älter als dreizehn Jahre", berichtet Vera Dotan.

Bis heute ein Rätsel

Auf der Rampe von Auschwitz sollten Mutter und Tochter getrennt werden. Das Mädchen war schon zur sofortigen Vergasung eingeteilt, als die Mutter den diensthabenden SS-Arzt Josef Mengele bat, mit ihrer Tochter zusammenbleiben zu dürfen. Bis heute kann Vera Dotan nur darüber rätseln, was den SS-Mann, nachdem er von der Mutter erfahren hatte, dass das Kind "vierzehneinhalb Jahre alt sei", bewogen hat, es mit seiner Mutter ins Lager zu schicken. "Vielleicht war er erstaunt darüber, wie gut meine Mutter Deutsch sprach" , so Vera Dotan.

Von Auschwitz kamen sie und ihre Mutter mit weiteren 1700 Frauen ins Konzentrationslager bei Mörfelden-Walldorf zum Bau einer Flugzeugrollbahn. Auf diesen Ereignissen basieren der Kinofilm "Die Rollbahn" und der von der Gemeinde Mörfelden-Walldorf eingerichtete Gedenkpfad.

Nach dem Transport in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschärften sich die unmenschlichen Bedingungen für die Gefangenen weiter. Eiseskälte, Hunger, Krankheiten wie Typhus und Ruhr sowie der entsetzliche Gestank der Leichenberge waren die Hölle. Wie durch ein Wunder überlebte Vera Dotan zusammen mit ihrer Mutter den Todesmarsch. "Als wir nach der Befreiung zurück nach Budapest kamen, wohnten andere Leute in unserem Haus und wir erfuhren vom Tod meines Vaters und meines geliebten Bruders ", berichtet Vera Dotan von "der schrecklichsten Minute meines Lebens, ich konnte es meiner Mutter nicht sagen".

Ein neues Leben aufgebaut

Von Ungarn aus flohen Dotan und ihr Mann Miki nach Israel, halfen bei der Gründung des Staates und bauten sich dort ein neues Leben auf. "Hitler hat mir meine Familie genommen, deshalb ist es für mich so wichtig, hier in Israel eine neue Familie mit gutem Zusammenhalt gegründet zu haben", betont Dotan immer wieder.

Zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gratulierten neben den zwei Söhnen mit ihren Frauen auch vier Enkelkinder, vier Urenkel, zwei Cousins und weitere Verwandte. Vom Magistrat der Stadt Mörfelden-Walldorf wurden die offiziellen Glückwünsche überbracht, zusammen mit einem persönlichen Brief des Bürgermeisters. In Mörfelden-Walldorf befand sich das Lager, in dem Vera Dotan schwerste Zwangsarbeit verrichten musste.

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 22.06.2016

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