Studiendirektor vom Schulamt mit Leitung beauftragt / Nachfolge von Jürgen Mescher eine „große Herausforderung“

Klaus Holl jetzt ganz offiziell am Steuer

"Ich freue mich, die Leitung dieser tollen Schule übernehmen zu dürfen", hatte Klaus Holl, bisher kommissarischer Schulleiter des Bensheimer Goethe-Gymnasiums, den Schülern und Eltern im aktuellen Newsletter mitgeteilt. Und seit dieser Woche ist Studiendirektor Klaus Holl denn auch ganz offiziell vom Schulamt mit der Wahrnehmung dieser Aufgabe beauftragt.

Schulcampus ist entstanden

Was ist so "toll" am Goethe-Gymnasium? Darauf hat der 59-jährige Pädagoge eine einfache Antwort: "An der Schule stimmt alles", schwärmt er und verweist auf die "leistungsstarken und sympathischen Schüler, die engagierten und offenen Eltern sowie das hochmotivierte und kompetente Kollegium". Und auch der äußere Rahmen stimmt: Die Umbauarbeiten von 2005 bis 2012 ("sieben Jahre harte Arbeit") haben das marode Schulgebäude in ein Schmuckstück verwandelt. Wer einmal in der alten Goethe-Turnhalle Sport getrieben hat, weiß um den Quantensprung. Am Auerbacher Weg ist ein Schulcampus entstanden, der beim Betreten Lust auf Lernen macht. Den Umbau betrachtet Holl ein wenig als "sein Kind", die wöchentlichen Bauausschusssitzungen während dieser Zeit sind in lebhafter Erinnerung.

"Wir sind sehr stolz auf das Erreichte", sagt Holl. Und nimmt dabei seine Kollegen, die Eltern und auch die Schüler mit ins Boot. "Alle haben mitgemacht", erinnert er sich. Von selbst entworfenen Fliesen und dem Farbkonzept bis zu Einlegearbeiten im Parkett wurden die Ideen der Schulgemeinde aufgegriffen. Und das hat bleibende Wirkung: Durch die Identifikation mit dem Schulgebäude wird wenig mutwillig zerstört.

Der Job als Schulleiter ist für Klaus Holl nicht neu, hat er diese Funktion doch nach dem Weggang von Jürgen Mescher vor einem Jahr ("ein großer Einschnitt") bereits kommissarisch ausgeübt. Mit dem geschätzten Kollegen, der das Goethe-Gymnasium in Richtung Portugal verlassen hat, bildete der Pädagoge viele Jahre ein "ausgezeichnetes Team". Seit 2005 war Holl stellvertretender Schulleiter. Gerade in dieser vertrauensvollen Zusammenarbeit sieht er den Grund für seine Bewerbung auf die Stelle als Schulleiter: "Ich wollte das, was wir auf den Weg gebracht haben, weiterführen." Er ist sich bewusst, dass er in große Fußstapfen getreten ist: "Das Niveau zu halten, war und ist eine große Herausforderung."

Holl nennt drei Schwerpunkte, die in den vergangenen Jahren intensiv beackert wurden:

Europaschule: Das Zertifikat bedeutet für Holl mehr als Schüleraustausch und Sprachreisen. 35 Europa-Projekte in verschiedenen Fachbereichen wurden durchgeführt und wissenschaftlich evaluiert. "Das hat für uns einen riesigen Qualitätsvorsprung gebracht."

Ganztagsangebot: Schule soll zum Lebensraum für die Jugendlichen werden. Das heißt: Neben dem gesunden Mittagessen gibt es bis 15.30 Uhr ein Pausenkonzept, Förderangebote und Arbeitsgemeinschaften. Im Projekt "Goethe ab 2" übernehmen Oberstufenschüler die Hausaufgabenbetreuung. Gerade durch das Ganztagskonzept empfindet Holl die Schule als "sozial gerecht", Bildungschancen werden ausgeglichen, die Eltern können mit gutem Gewissen ihrem Beruf nachgehen.

Lernzeitklassen: Vom Begriff der Hausaufgaben möchte Klaus Holl gerne weg: "Schulaufgaben" sollten es sein. Dieses Konzept wird in den Jahrgangsstufen 5 und 6 umgesetzt. Die Lernzeitklassen haben vier Stunden mehr Unterricht pro Woche, die Aufgaben werden überwiegend während der Schulzeiten erledigt. Damit soll das Elternhaus entlastet werden. "Das ist aber für manche Eltern ein Problem, ihnen fehlt Einblick und Kontrolle", weiß Holl.

Auf seiner Agenda für die nächsten Jahre nennt der Pädagoge zwei Schwerpunkte:

Selbstorganisiertes Lernen (SOL): Das eigenverantwortliche Lernen muss nach Ansicht von Klaus Holl entsprechend den veränderten Anforderungen an die Schulabgänger noch intensiver im Unterricht verankert werden: "Wir sind mittendrin im Prozess der Individualisierung."

Schulleitung im Umbruch: Mit 59 Jahren ist Klaus Holl zurzeit der Jüngste im Leitungsteam. "In den nächsten Jahren werden wir intensiv Personalentwicklung betreiben müssen", fordert er die Einbindung von jungen Kollegen. Die Aufgaben müssen neu gewichtet werden.

Dass dem begeisterten Segler Klaus Holl die Rolle als Kapitän auf den Leib geschneidert ist, hat auch der Förderverein der Schule kreativ umgesetzt: Am Tag der "Beauftragung" gab's ein selbst gebackenes Steuerruder aus Teig. Aber auch hier stellt Holl sein Team in den Vordergrund: "Der Kapitän ist nur so gut wie seine Mannschaft." Seine Aufgabe sieht er darin, die Vielfalt zu erhalten und alles zu ermöglichen.

Zur Person:

Klaus Holl (59) hat in Köln Lehramt für Mathe und Physik studiert. "Ich bin aus Überzeugung Lehrer geworden", sagt er. Nach dem Referendariat war er von 1989 bis 1994 an der Deutschen Schule in Istanbul, wo er auch Jürgen Mescher kennenlernte: "Eine tolle Zeit in einem faszinierenden Land."

1994 bis 2005: Integrierte Gesamtschule in Mörfelden-Walldorf. Seit 2005: stellvertretender Schulleiter am Goethe-Gymnasium.

Klaus Holl ist leidenschaftlicher Segler. Seinen Schülern bringt er dieses Hobby am Heppenheimer Bruchsee näher. Er selbst kann beim Segeln vollständig entspannen: "Die Natur bestimmt, wie die Verhältnisse sind. Es läuft nicht alles nach Plan." Ein weiteres Hobby ist Volleyball, "auch wenn's weh tut". Der Studiendirektor will in Zukunft gerne wieder mehr unterrichten, wenn es seine Zeit erlaubt: "Das ist für mich Erholung. Keine Anrufe, keine Beschwerden und 60 Minuten bei einem Thema bleiben." Klaus Holl ist verheiratet und hat einen Sohn.

Einzige G8-Schule im Kreis:

Das Goethe-Gymnasium ist mittlerweile die einzige G 8-Schule im Kreis Bergstraße. "Wir sehen die verkürzte Schulzeit nicht als Problem", betont Klaus Holl. Die Zahlen geben ihm recht: Für das kommende Schuljahr hat das "Goethe" 155 Anmeldungen und kann damit sechs Klassen bilden. Nach der kleinen Delle im vergangenen Jahr (120 Fünftklässler) ein Aufwärtstrend.

"Die Eltern schauen wieder mehr auf Konzepte und treffen die Entscheidung nicht nur zwischen G8 und G9", begründet Holl die Entwicklung. Das Goethe-Gymnasium habe das Abitur nach zwölf Jahren erfolgreich umgesetzt: "Wir sind zufrieden." Unter großem Aufwand hat das Kollegium die Lehrpläne neu geschrieben und die Inhalte gestrafft. Man sehe keinen Grund, einen Riesenaufwand zu betreiben, um das Rad wieder zurückzudrehen.

Weiterer Beweis für den Erfolg von G8 am "Goethe" sei die geringe Zahl an "verlorenen" Schülern - Abgänger oder Wiederholer. Die Leistungen der Goethe-Abiturienten liegen über dem Landesdurchschnitt.

Aber: G8 kann nur mit Ganztagskonzept funktionieren - auch hier sieht Holl seine Schule auf einem guten Weg.

© Bergsträßer Anzeiger, Freitag, 22.04.2016