Die Ausstellung „Migration in Südhessen“ zeigt auf, wie viele Menschen im 19. Jahrhundert ihre Heimat verließen

Auch viele Deutsche waren Flüchtlinge

Bensheim. Menschen auf der Suche nach einem Fleckchen Erde, auf dem sie friedlich und auskömmlich leben können, sind kein Phänomen der neueren Zeit. Aus Deutschland flohen allein fünf Millionen Menschen vor der wirtschaftlichen Not im 19. Jahrhundert - zumeist arme Bauern und Industriearbeiter.

Aktueller Bezug

Die Ausstellung "Migration in Südhessen" gewinnt vor dem Hintergrund von Flüchtlingswellen aus kriegs- und krisengeschüttelten Brandherden in Afrika und im Nahen Osten eine hochaktuelle Dimension.

"Ich würde mir wünschen, dass unsere Ausstellung einen kleinen Beitrag leistet zu weniger Fremdenfeindlichkeit und weniger Antisemitismus, zu mehr Toleranz und mehr Verständnis für Menschen, die aus anderen Kulturen gekommen sind oder kommen wollen," betonte Dr. Fritz Kilthau vom Zwingenberger Synagogenverein eine Intention der Ausstellung, die er zusammen mit dem Historiker und ehemaligen Studiendirektor Heribert Pauly in dreijähriger Recherchearbeit zusammengestellt hatte. Gestern wurde sie im Goethe-Gymnasium eröffnet.

Schulleiter Jürgen Mescher bedankte sich bei den initiativen Lehrern, vor allem bei Jörg Lienaerts, die durch die Ausstellung den Geschichtsunterricht mit einem greifbaren lokalen Zuschnitt unterlegten.

Die Achtklässler setzen sich derzeit mit den revolutionären Bewegungen im 19. Jahrhundert und der sozialen Situation in der aufkeimenden Industriegesellschaft auseinander. Für sie stand vor allem der Teil der Ausstellung im Fokus, der die Wanderbewegungen in der Region zu jener Zeit nach einem didaktisch schlüssigen Konzept beschreibt. Auf den Schautafeln verdichten sich nach der Darstellung der allgemeinen sozialpolitischen Lage die Informationen zur Region und greifen zum Schluss Einzelschicksale und Biografien auf.

Es waren vor allem junge Leute, die aus wirtschaftlicher Not Abschied für immer nahmen. Zu 90 Prozent steuerten sie Amerika an. 10 000 Menschen aus dem dünn besiedelten Kreis Odenwald und 30 Prozent der gesamten Zwingenberger Bevölkerung machten sie auf den Weg über den Ozean. Auch sie hatten "Beförderer", die im Hintergrund die Wege bahnten.

Sogenannte "Auswanderungsagenten" taten denselben Job wie heute die Schleuser. Damals wie heute verdienten sie sich eine finanziell goldene Nase. Pauly verwies auf den Kommentar eines Schiffseigners, der die Auswanderer nach Amerika transportierte: "Ohne Zwischendeckpassagiere wäre ich innerhalb weniger Wochen pleite gewesen."

Für diese Mitfahrer war die Passage über den Ozean ein Überlebenskampf. In der Neuen Welt bauten sie sich eine Existenz auf. Die Ausstellung bohrt tiefer. Sie will wissen, wie die Menschen aufgenommen wurden, wie sie sich eine neue Existenz aufgebaut haben und wie der Prozess der Integration verlief. Pauly zitierte aus Briefen: Ein Balkhäuser schrieb an seine Familie, wie froh er sei, "dass ich von eurem gequälten Leben nichts mehr sehen muss".

Darmstadt in Amerika

Peter Morckel aus Auerbach ließ seine Familie wissen: "Hier lebt ein Bauer besser als bei euch ein Edelmann." Pauly ließ ein Foto durch die Schülerreihen gehen. Es zeigt Darmstadt um die Jahrhundertwende. Abgebildet ist aber nicht die Kommune im südlichen Zipfel Hessens, sondern ein Ort in Amerika. Die kleine Stadt in Indiana zählt derzeit rund 1400 Einwohner. Die Namensgebung soll auf den Einwanderer Philipp Bauer zurückgehen, der die Ansiedlung 1867 nach dem Geburtsort seiner Frau Barbara benannte, die aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt kam.

So unterschiedlich die Hintergründe für eine Migration in der Geschichte auch sein mochten: Die gut 50 Schautafeln zeigen die wichtigsten Wanderbewegungen in Südhessen auf. Komplexe Zusammenhänge werden anschaulich und nachvollziehbar, so dass sie gerade für schulische Zwecke bestens geeignet sind. Das Goethe-Gymnasium ist die erste Einrichtung, die von einer Präsentation Gebrauch macht. red

© Bergsträßer Anzeiger, Freitag, 06.02.2015