Katrin Himmler berichtete von den Recherchen über ihren Großonkel Heinrich Himmler

Ein Massenmörder in der Verwandtschaft

Als sie 15 Jahre alt war, wurde sie im Geschichtsunterricht gefragt, ob sie mit "dem Himmler" verwandt sei. Den dunklen Klang ihres Familiennamens empfand die Großnichte des "Reichsführers SS" damals als bleischwere Belastung. Trotz Heirat hat sie ihn bis heute beibehalten.

Die meisten Leute reagierten nicht verwundert oder verunsichert, wenn sie sich vorstellt, sagt Katrin Himmler. "Die denken eher an Himmel, an etwas Positives." Dennoch ist Himmler ein Synonym für Massenmord, erinnert an einen der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte. Wie es für sie ist, mit diesem Erbe aufzuwachsen und wie sie den Tatsachen ins Auge geblickt hat, erzählte Katrin Himmler am Mittwoch im Goethe-Gymnasium. Ein Saal von Oberstufenschülern, viele mit Leistungsfach Geschichte, hörte zu und hakte nach. Katrin Himmler könnte ihre Mutter sein.

Häufig in Schulen zu Gast

Die Berliner Politikwissenschaftlerin ist Jahrgang 1967. Als sie geboren wurde, war ihr Großonkel 22 Jahre tot. Damals im Schulunterricht, als die Nachfrage aus den eigenen Reihen kam, habe ihre Lehrerin leider die Chance nicht genutzt, um das Thema aufzugreifen und zu diskutieren. Heute ist Katrin Himmler häufig in Schulen zu Gast, um über die Bürde der deutschen Vergangenheit zu sprechen - und wie man sich ihr mutig und wahrhaftig stellen kann.

Der Leiter der Fachschaft Geschichte, Jörg Lienaerts, begrüßte die Autorin zu einer eineinhalbstündigen Geschichtsstunde der besonderen Art. Schulleiter Klaus Holl freute sich auch über die Anwesenheit von Klaus Müller vom Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Bereits im Vorfeld des Termins hatten die Schüler den Dokumentarfilm "Der Anständige" gesehen.

Die "Nachgeborene" ist selbst Historikerin. Und sie hat ein Buch geschrieben, in dem sie sich intensiv mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzt: "Die Brüder Himmler" erschien 2005 und wurde in elf Sprachen übersetzt. Darin schreibt sie über Ernst und Gebhard Himmler, die beiden Brüder des NS-Verbrechers, die damals ebenfalls Karriere gemacht haben. "Das waren überzeugte Nazis der ersten Stunde."

Das hat für Aufsehen gesorgt. Interviews gibt sie keine mehr. Aber sich sucht den Dialog mit der jungen Generation. Die Goethe-Schüler nutzten die Gelegenheit, um mit einer Frau zu sprechen, die abseits jeder Verdrängung und Verleugnung mit Familienmythen gebrochen und sich auf die Suche nach der Wahrheit aufgemacht hat. 2014 veröffentlichte sie zusammen mit dem Historiker Michael Wildt das Buch "Himmler privat - Briefe eines Massenmörders", in dem neuentdeckte Korrespondenz Himmlers an seine Frau Margarete veröffentlich wurde.

Der Blick zurück erfolgte nicht im Zorn, sondern in schonungsloser Offenheit und Neugier. Obwohl sie sich bereits als Schülerin und später als angehende Historikerin eingehend mit dem "Dritten Reich" und der NS-Diktatur beschäftigt hat, sei sie im Hinblick auf ihre eigene Familie aber lange "betriebsblind" geblieben. So habe sie herausgefunden, dass Heinrich Himmler keineswegs das "schwarze Schaf" in einer gutbürgerlichen, normalen Familie gewesen sei. Vielmehr habe es keinen einzigen Himmler gegeben, der nicht seit Mitte der 1920er Jahre von Hitler fasziniert gewesen und schon vor 1933 in die NSDAP eingetreten sei.

Begeisterte Nazis

Selbst die Nachkriegsgeneration schiebt das Thema weiter. Ihr Vater, Sohn des jüngsten Himmler-Bruders Ernst, bittet seine Tochter, in den Archiven zu forschen. Das hat Katrin Himmlers Interesse geweckt. Sie fand heraus: Statt "unpolitischer Technokraten", wie es die Familienlegende erzählte, waren alle drei Brüder überzeugte und begeisterte Nationalsozialisten.

Katrin Himmler entschloss sich, tiefer zu graben - auch in den Privatdokumenten der Familie. Sie fand nicht einen Verwandten, der nicht mit den Nazis verbandelt war. Regelrecht ein braunes Nest. Und die meisten waren - oder sind - uneinsichtig. Schon ihr Großonkel Gebhard Himmler hatte seinem Bruder Heinrich vor dem Nürnberger Tribunal eine "tiefe Herzensgüte" bescheinigt. Gebhard starb 1989.

Gudrun Burwitz, das einzige Kind aus der Ehe von Margarete und Heinrich Himmler, blieb nach 1945 der Ideologie ihres Vaters verhaftet und betätigte sich aktiv in rechtsextremen und neonazistischen Kreisen. Unter anderem im Verein "Stille Hilfe", der inhaftierte und verurteilte ehemalige SS-Mitglieder in Notlagen unterstützt. Ab 1952 unterstützte die 1929 geborene Burwitz die neu gegründete Wiking-Jugend, die nach dem Vorbild der Hitlerjugend organisiert und ideologisch ausgerichtet war. Sie lebt heute in München.

Auf ihre Aufarbeitung bezogen, spricht Katrin Himmler von schmerzhaften Denkprozessen, Verlustängsten und emotionalen Konfrontationen. Es sei ihr darum gegangen, die alten Legenden für immer zu begraben - sowohl jene aus der Familie wie auch diejenigen in den Geschichtsbüchern. Im Zuge der Recherche hatten sich selbst vermeintliche Nebensächlichkeiten als relevante Informationen herausgestellt. "In vielen anderen Familien früherer Nazitäter wird weiterhin hartnäckig geschwiegen", sagt sie in Bensheim. Katrin Himmler hofft, dass ihre Lesungen und Vorträge dazu beitragen, sich dem Erbe der Vergangenheit offen und ehrlich zu stellen. Denn auch die junge Generation habe ein Recht auf die Wahrheit.

Gemeinsam mit ihrem Exmann, der aus einer jüdischen Familie stammt, hat sie einen Sohn. Ein Kind mit einem der größten Kriegsverbrecher als Urgroßonkel - und einem jüdischen Großvater, der als Kind im besetzten Warschau gerade eben überlebt hat. Stoff, der beinahe nach einem eigenen Buch verlangt.

© Bergsträßer Anzeiger, Freitag, 30.09.2016

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