Stolpersteine: Heute Verlegung in Gedanken an Familie Oppenheimer / Tochter Barbara Hicken aus den USA zu Gast

Erinnerung und Mahnung

Heute um 16 Uhr werden an der Rodensteinstraße 106 zwei weitere "Stolpersteine" verlegt. Damit erinnert die Stadt an Mini und Karl Oppenheimer, die in diesem Haus mit ihrer Familie gelebt haben. Anwesend ist auch Barbara Hicken, die Tochter von Mini Oppenheimer. Sie reiste gestern aus den USA nach Bensheim, um bei der Installation durch den Kölner Künstler Gunter Demnig persönlich dabei zu sein.

Fünf Messing-Gedenktafeln erinnern bereits an die Familie, die 1937 von Bensheim nach Frankfurt gezogen war. 1941 wurden sie nach Minsk deportiert und dort ermordet: Moritz, Frieda, Hermann und Elieser Oppenheimer. Mira Oppenheimer, Jahrgang 1931, wurde mit einem Kindertransport nach England gebracht und hat so den Holocaust überlebt.

Die beiden neuen Tafeln vervollständigen das personalisierte Gedenken im Trottoir. Bislang hat Demnig in Bensheim rund 30 seiner Stolpersteine verlegt. Die Geschichte der Bensheimer Familie Oppenheimer spiegelt beispielhaft viele Schicksale während der Zeit des Nationalsozialismus: Die Eltern, ein Kind und ein Bruder des Vaters wurden ermordet. Drei Kinder konnten 1939 nach Frankreich fliehen und 1942 schließlich in die USA reisen.

Erstmals nimmt mit Barbara Hicken (Jahrgang 1961) ein direkter Nachfahre von Opfern an einer lokalen Stolperstein-Verlegung teil. Am Donnerstag wurde für sie ein Empfang im Rathaus organisiert. Neben ihrer Begleitung Bonnie Oakman waren zahlreiche Stadtverordnete sowie Mitglieder der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger und des Auerbacher Synagogenvereins anwesend.

Stadtrat Adil Oyan begrüßte den Gast im Namen des Bürgermeisters. Es sei mehr als nur ein symbolischer Akt, wenn die Gedenkplatten heute im Boden fixiert werden: "Die Stolpersteine halten die Erinnerung an die Opfer des Holocaust wach und dienen gleichermaßen als Warnung." Die Stadt Bensheim wolle an die Menschen erinnern, die hier gelebt haben, und ebenso die Ereignisse der damaligen Zeit im kollektiven Gedächtnis behalten. Die Steine seien auch eine Mahnung, dass sich etwas Vergleichbares niemals wieder an keinem Ort der Welt wiederholen dürfe, so Oyan im Sitzungssaal.

Schüler als Initiatoren

Das Besondere an der jüngsten Verlegung: Es ist ein Schulprojekt. Schüler der zehnten Jahrgangsstufe des Goethe-Gymnasiums haben mit ihrem Lehrer Florian Schreiber über die Familie Oppenheimer recherchiert. Seit knapp zwei Jahren beschäftigen sich die Jugendlichen mit der Regionalgeschichte.

Die "Entdeckung" von Barbara Hicken war ein Zufall: Im Internet stieß Schreiber auf die Todesanzeige von Mini Oppenheimer, die 1939 nach Frankreich geflüchtet war. Die Projektgruppe begann, nach den Nachkommen zu forschen, was angesichts der durch Heirat veränderten Familiennamen nicht ganz einfach war. Dann hat die Schule Kontakt aufgenommen und im Schulterschluss mit der Stadt die Tochter offiziell nach Bensheim eingeladen.

Finanziert wurden die Steine durch den Verkauf von selbstgebackenem Kuchen, so Hero Tjarks, der gemeinsam mit Laura Poluschkin und Louisa Malki im Rathaus dabei war. Hinzu kam eine Unterstützung durch den Förderverein des Goethe-Gymnasiums, der Sparkasse Bensheim und der Stadt Bensheim. Während der Verlegung wird ein Schüler die Biografie der Familie Oppenheimer verlesen.

Stadtrat Peter E. Kalb (Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger), der auch schon die Verlegung der anderen Stolpersteine begleitet hat, kommentierte den Besuch von Barbara Hicken als Signal von hoher Relevanz für die gelebte Erinnerungskultur der Stadt. "Die Gedenksteine zeigen, dass Bensheim die Opfer nicht vergessen wird." tr

© Bergsträßer Anzeiger, Freitag, 21.10.2016

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