Gunter Demnig installiert weitere Stolpersteine in Bensheim

Für alle Beteiligen eine emotionale Zeremonie

stolpersteinverlegungGegen Ende der Zeremonie gab es einen kurzen Augenblick, in dem sich Barbara Hicken der allgemeinen Aufmerksamkeit entzog. Sie löste sich mit einer halben Körperdrehung aus dem Kreis von Menschen, die sie umgaben. Es schien, als suche sie einen Moment der Einsamkeit, um alleine zu sein mit ihren Gefühlen und Erinnerungen. "Very emotional" sei es für sie gewesen, antwortete sie mit brüchiger Stimme auf Nachfrage, während Tränen über ihre Wangen liefen - und wandte sich, nach wenigen Sekunden des Schweigens, wieder gefasst ihrer Begleitung zu.

Barbara Hicken war Mitte der vergangenen Woche aus den USA angereist, um persönlich an der Stolperstein-Verlegung zum Gedenken an ihre Mutter Mini Oppenheimer teilzunehmen. Bis 1937 war die Rodensteinstraße 106 in Bensheim das Zuhause der Oppenheimers. Fünf Stolpersteine sind vor dem Anwesen in Erinnerung an die jüdische Familie bereits verlegt - am Freitag installierte der Kölner Künstler Gunter Demnig, der Initiator der Stolperstein-Mahnmale, zwei neue: für Mini und ihren Bruder Karl. Zudem wurde der Stein für Mira Oppenheimer durch einen neuen mit korrigierter Inschrift ersetzt.

Mehrere Tausend seiner Stolpersteine hat Gunter Demnig bislang verlegt, entsprechend routiniert sind seine Handgriffe. Ein reines Handwerk ist die Installation eines Stolpersteins für ihn deshalb nicht, betonte der Künstler. "Es ist jedes Mal etwas Besonderes." Inzwischen würden viele Familien eine solche Verlegung als Gelegenheit zur Zusammenkunft nutzen und sich dabei ihrer Wurzeln erinnern. Das sei oft sehr bewegend, berichtete Demnig.

Erstmal eine Angehörige dabei

30 Stolpersteine sind in Bensheim nun zu finden; erstmalig war mit Barbara Hicken (Jahrgang 1961) ein Mitglied der Opferfamilie persönlich anwesend bei der Verlegung. Die Initiative für die Mahnmale in der Rodensteinstraße 106 ging von einer Projektgruppe des Goethe-Gymnasiums aus. Die Schüler hatten unter Anleitung ihres Lehrers Florian Schreiber die Geschichte der Familie Oppenheimer detailliert recherchiert.

Während Gunter Demnig die Steine, die mit einer Messing-Schicht überzogen sind, flächenbündig in den Gehweg einpasste, zeichneten zwei Goethe-Schüler, Laura und Leopold, das Leben von Mini Oppenheimer und ihren Geschwistern nach: 1937 hatte die Oppenheimers Bensheim verlassen, um vor den zunehmenden Repressalien der Nazis Schutz zu suchen in der Anonymität der Großstadt Frankfurt am Main. Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 hatte sich Hermann Oppenheimer entschlossen, seine Kinder Mini (geboren 1930), Mira (1931) und Karl (1932) ohne elterliche Begleitung in das damals noch sichere Frankreich zu schicken.

Mini, so haben es die Goethe-Schüler erforscht, habe dabei vom Vater die Aufgabe übertragen bekommen, stets auf ihre jüngeren Geschwister aufzupassen. Eine Verantwortung, die Mini, die 2009 verstarb, auf ihrer vierjährigen Flucht über Frankreich, Marokko und Portugal in die USA gewissenhaft erfüllt hatte. Ihre Eltern, ihr jüngster Bruder sowie ihre Großeltern waren von den Nazis ermordet worden.

Lokale Erinnerungskultur

Für die Stadt Bensheim, die in Kooperation mit dem Goethe-Gymnasium die Anwesenheit von Barbara Hicken ermöglichte (wir haben berichtet), wiesen Philipp Thoma in seiner Funktion als stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher und Stadtrat Peter E. Kalb als Vertreter des Magistrats in ihren in Deutsch und Englisch vorgetragenen Ansprachen auf die Bedeutung der Bensheimer Stolperstein für die lokale Erinnerungskultur hin.

© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 24.10.2016

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