Das Goethe-Gymnasium ist Partner der Ausstellung „Legalisierter Raub“ in Lorsch

legalisierter raub2Die „große Geschichte“ am eigenen Ort kennenzulernen und zu sehen, wie die Ereignisse der Weltgeschichte auch im Heimatort Spuren hinterlassen hat, das ist eine der Aufgaben, die der Geschichtsunterricht am Goethe-Gymnasium erreichen will. Die Chance hierzu hatten nun Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, die unterstützt von ihren Lehrern die Ausstellung „Legalisierter Raub“ in Lorsch als Partner unterstützen konnten. Die Ausstellung des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts und des Hessischen Rundfunks, die vom 6. Februar bis 14. Mai im Lorscher Museumszentrum zu besichtigen ist, behandelt die staatlich organisierte Ausplünderung der hessischen Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Ausstellung ist bereits seit dem Jahr 2002 an verschiedenen Orten in Hessen gezeigt worden und wird jeweils um Schwerpunkte und Fundstücke ergänzt, die Schicksale jüdischer Bürger aus der Ausstellungsregion thematisieren.

Mehr als 25 Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse, der Einführungs- und der Qualifikationsphase begleiten die Ausstellung als Schüler-Scouts und führen Schulgruppen durch die Ausstellung. Zu diesem Zweck nahmen die interessierten Jugendlichen eigens an einem Wochenend-Workshop teil, in dem sie unter Leitung des stellv. Direktors des Fritz-Bauer-Instituts, Gottfried Kößler, in Inhalt und Konzeption der Ausstellung eingeführt wurden. Darauf aufbauend erarbeiteten die Schüler dann eigene Führungen, die den Besuchergruppen einen Einstieg in die Ausstellung geben können.

Die Schüler des Leistungskurses Geschichte (Q1/2) und der Geschichtswerkstatt (E-Phase) haben für die Ausstellung das Schicksal der Familie Oppenheimer genauer untersucht und sind der Frage auf den Grund gegangen, warum die geplante und bewilligte Auswanderung der Familie aus Deutschland scheiterte.

Hermann und Frieda Oppenheimer lebten mit ihren drei in Bensheim geborenen Kindern Mini, Miriam und Carl und Hermanns Bruder Moritz in der Rodensteinstraße 106 in Bensheim. Hermann Oppenheimer besuchte das spätere AKG, er arbeitete als Tabakhändler und fungierte als Lehrer und Kantor für die jüdischen Gemeinden in der Region.

Die Familie lebte bis 1933 in bescheidenem Wohlstand und gutem Einvernehmen mit ihren Nachbarn. Ab 1933 wurden ihre Lebensbedingungen schrittweise und systematisch so verschlechtert, dass sie 1937 nach Frankfurt zog um dort Schutz in der Anonymität einer größeren Stadt zu finden. 1938 kam dort ein viertes Kind, Eliezer, zur Welt.

Nach der Pogromnacht 1938, in der Moritz Oppenheimer in das KZ Buchenwald verschleppt wurde, war klar, dass es für Juden keine Lebensperspektive in Deutschland mehr gab. Die Oppenheimers bereiteten ihre Auswanderung, die tatsächlich eine staatlich organisierte Vertreibung unter räuberischen und erpresserischen Bedingungen war, vor. Hermann und Frieda Oppenheimer schickten ihre drei älteren Kinder 1939 zu Bekannten ins Elsaß. Die älteste, Mini, war gerade einmal 9 Jahre alt und bekam von ihrem Vater den Auftrag, gut auf ihre beiden jüngeren Geschwister aufzupassen, bis man sich wiedersehe. Ein Wiedersehen hat es aber nie gegeben, auch wenn die Oppenheimers im Frühjahr 1940 die Auswanderungsgenehmigung von den deutschen Behörden erhielten. Diese Auswanderung hat aber nicht stattgefunden - wieso?

Erklärung dafür ist die materielle Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis. Die Auswanderung konnte unter anderem deshalb nicht stattfinden, weil die Familie seit 1933 durch den deutschen Staat systematisch ihrer Lebensgrundlage und ihres Vermögens beraubt wurde. Verarmte Menschen aber waren in vielen Staaten auch damals als Flüchtlinge unerwünscht.

Ein weiterer Aspekt war die Tatsache, dass die von den Nazis erzwungene Massenflucht Konflikte in den aufnehmenden Ländern schuf oder verschärfte. Besonders in Palästina hatte es seit 1936 gewalttätige Ausschreitungen zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung sowie der britischen Mandatsregierung gegeben. Da die Oppenheimers sehr religiöse orthodoxe Juden waren, planten sie ein neues Leben in Palästina. Um die Konflikte in Palästina zu beruhigen wurde die Einwanderung von Juden nach Palästina allerdings seit 1939 massiv erschwert und schließlich ganz verboten.

Damit saßen die Oppenheimers in Deutschland fest, mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22.6.1941 war ihr Schicksal besiegelt. Die Politik der Reichsregierung zielte jetzt nicht mehr auf Auswanderung, sondern auf Mord. Am 10. November 1941 wurden Hermann, Frieda, Eliezer und Moritz Oppenheimer nach Minsk deportiert und dort ermordet. Genaueres ist unbekannt. Mini, Miriam und Carl gelang eine abenteuerliche Flucht in die USA. Für sie wurden auf Initiative des Goethe-Gymnasiums im Oktober 2016 Stolpersteine in der Bensheimer Innenstadt verlegt. Auch hierfür recherchierten und organisierten Schülerinnen und Schüler notwendige Informationen und ermöglichten, dass die Tochter von Mini Oppenheimerzu diesem Anlass nach Bensheim eingeladen werden konnte. Die Tage mit Barbara Chazen, die Gespräche und das Besuchsprogramm ermöglichten allen Beteiligten sehr besondere und intensive Eindrücke.

Der Förderverein und die Sparkasse Bensheim unterstützten diese für Bensheim bisher einmalige Aktion großzügig.

Das Schicksal der übrigen jüdischen Schülerinnen unserer Schule ist übrigens ebenfalls weitgehend recherchiert, das ihrer Familien ebenso. Weitere Stolpersteine könnten also folgen …