Dietrich Garstka berichtet in der Mensa des Goethe-Gymnasiums über die Flucht einer Abiturklasse aus der DDR nach Bensheim

Ein Bericht über Protest und Gemeinschaft

Schüler sollen erfahren was eine Diktatur ist und welche Möglichkeiten die Jugend hat darauf zu reagieren – mit diesem hohen Anspruch berichtete der Zeitzeuge Dietrich Garstka am Mittwoch vor 120 Schülerinnen und Schülern der Oberstufe des Goethe-Gymnasiums über die Flucht einer gesamten Abiturklasse aus der DDR, die in Bensheim ihr Ende fand.

Im Jahr 1956 kam es zu einem Arbeiteraufstand in Ungarn, der von der Sowjetunion gewaltsam niedergeschlagen wurde. Diese Ereignisse wurden von den Jugendlichen im brandenburgischen Storkow gebannt verfolgt und als der westliche Rundfunksender RIAS zu einer Schweigeminute aufrief, entschieden sich die Schüler spontan zu einer Schweigeminute im Unterricht. Diese wurde von den Lehrern und Parteifunktionären des SED-Staats schnell als konterrevolutionärer Protest umgedeutet und nach wenigen Wochen sahen sich die Jugendlichen mit der Staatsmacht konfrontiert.

Mit einer scheinbar kleinen Geste hatten sie eine massive Reaktion des Staates provoziert, der sich in seinen Grundfesten bedroht sah. Nachdem die verschworene Klassengemeinschaft sich weigerte gegenüber der Schulleitung die vermeintlichen Rädelsführer des Protests bekannt zu geben, erschien sogar der damalige Volksbildungsminister in der Schule und verkündete unter Gewaltandrohung, dass die Schüler vom Abitur ausgeschlossen würden.

Der heute 74-jährige Garstka erzählte diese Erlebnisse des Jahres 1956 derart lebhaft und detailreich, dass die Schüler den Eindruck bekamen, dies sei ihm erst vor Kurzem wiederfahren. Vor allem die Vielzahl seiner persönlichen Eindrücke und seine Erfahrungen mit der Staatsmacht gaben den Schülern einen besonderen Einblick in das Leben in der Diktatur, der weit über die im herkömmlichen Unterricht vermittelbaren Inhalte hinausgeht. So berichtete Garstka plastisch von den Bespitzelungen und Drangsalierungen des Systems und von der Propaganda, die von ihm und seinen Freunden immer öfter als Widerspruch zum alltäglichen Leben empfunden wurde.

Diese Erfahrungen und die zunehmend als Lügen empfundenen Aussagen der Parteipropaganda ließen in den Jugendlichen den Entschluss reifen, dem sozialistischen Staat den Rücken zuzuwenden. Als das Volksbildungsministerium nun tatsächlich den weiteren Weg zum Abitur versperrte, war Garstka der erste der Klasse, der kurz vor Weihnachten 1956 über Ostberlin in den Westen floh. 16 seiner Mitschüler und eine Mitschülerin folgten ihm in den folgenden Wochen. Zwar gab es die Mauer zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber Garstka betont, dass eine Flucht aus der DDR auch 1956 nicht so gefahrlos war, wie sie heute gemeinhin dargestellt wird.

Im Westen wurden die Flüchtlinge zunächst in ein Flüchtlingsheim in Berlin und dann in Bensheim aufgenommen, wo sie zunächst im bischöflichen Konvikt lebten. Nach einigen Monaten folgte der Umzug in die Villa Orbishöhe in Zwingenberg. Die Schüler konnten dann 1958 das Abitur am damaligen Aufbaugymnasium ablegen.

Die Schüler aus den Jahrgängen Q1 und Q3 des Goethe-Gymnasium, denen ebenfalls bald die Abiturprüfungen bevorstehen, beeindruckte besonders der Zusammenhalt, der der gemeinsamen Flucht zugrunde gelegen haben muss, der sogar so weit ging, dass die Jugendlichen nicht einmal gegenüber ihren Eltern die ganze Wahrheit über diese Schweigeminute erzählt haben. Herr Garstka betonte aber auch, dass diese verschworene Gemeinschaft ein ganz besonderer Fall gewesen war, der so nicht selbstverständlich war.

Die Veranstaltung endete mit dem  - nicht nur augenzwinkernden - Hinweis von Studiendirektor Löffler, der die Veranstaltung mit der Fachschaft Geschichte organisiert hat, dass ein solcher Zusammenhalt junge Menschen sehr weit bringen kann, sei es bei den anstehenden Abiturprüfungen oder allem was danach folgen wird.

Jörg Lienaerts

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