Hector Tobar spricht im Goethe-Gymnasium mit Schülern über seinen Roman „Barbarian Nurseries“ und die Probleme illegaler Einwanderer

Im Gespräch mit einem Pulitzer-Preisträger

Bensheim. Wer trifft schon einen Pulitzer-Preisträger in der Schule? Die Oberstufenschüler des Goethe-Gymnasiums begegneten Hector Tobar, der für seine Reportagen über die Rodney-King-Unruhen 1992 in seiner Heimatstadt Los Angeles ausgezeichnet wurde. Der in Kalifornien lebende Journalist und Romancier las am Freitag einige Auszüge aus seinem Roman "Barbarian Nurseries", seit 2012 in den USA auf dem Markt und schon mit diversen Preisen bedacht.

Der Grenzgänger zwischen den Kulturen - er ist der Sohn guatemaltekischer Einwanderer - eröffnet in seinem Werk eine Perspektive auf die Stadt der "tausend Welten", in der unmittelbar neben dem Glanz von Hollywood der durch die wirtschaftliche Krise gebeutelte Mittelstand noch üppig lebt, aber eine Vielzahl der eingewanderten Hispanics in ihren Quartieren - legal oder illegal - mit Hand- und Spanndiensten für die reichere Gesellschaft zu existieren versucht.

Die Hauptfigur in dem Roman ist Araceli Noemi Rodriguez, sein Alter Ego, wie Tobar mit süffisantem Lächeln auf den Lippen bekennt. Sie ist Dienerin im mittelständischen Haushalt, die alles sieht und vieles erlebt. In Mexiko City hatte sie zwar Kunst studiert, verdient aber ihren Lebensunterhalt als die gute Fee im Haushalt von Scott und Maureen mit ihren drei Kindern. Die Familie kann sich ein feines Haus mit Blick auf das ferne Meer leisten, dank eines wirtschaftlichen Erfolgs in der Computerbranche. Doch die Mittelschicht beginnt im Zuge der Krise zu bröckeln. Das knappe Geld zerrüttet die Ehe. Scott und Maureen prügeln sich und trennen sich. Zurück bleiben die beiden Jungs. Araceli nimmt sich ihrer an.

Als nach zwei Tagen noch jegliches Lebenszeichen von den Eltern fehlt, tritt Araceli die Suche nach den Großeltern an. Zum Schluss wird Araceli wegen Kindesentführung verhaftet.

Der Stoff weckte das Interesse der Schüler und regte zu einem lebhaften Austausch mit dem Autor an. Hector Tobar kennt die Problematik um illegale Einwanderungen, die Los Angeles zu einem Kessel vieler Ethnien wachsen ließ. Allein knapp die Hälfte der Stadtbevölkerung sind Hispanics. Tobars Eltern wanderten Anfang der 60er Jahre ein mit dem festen Beschluss, Amerikaner zu werden. Er selbst besuchte die öffentliche Schule, die in Amerika keinen guten Ruf genießt. Der englischen Sprache war er noch nicht mächtig. Tobar arbeitete sich zum Reporter hoch und wurde zum Leiter der Los Angeles Times in Mexiko City und später in Buenos Aires.

Der Autor erzählte den jungen Zuhörern Geschichten aus seiner Biografie. Zum Beispiel die des peruanischen Dienstmädchens. Zu Weihnachten schickte ihre Familie Videoaufnahmen. Ihre Kinder winkten und lachten in die Kamera, im Hintergrund sah man die ärmliche Hütte, in der sie dank der Finanzspritze aus Argentinien überleben konnten. Die junge Frau hatte seit zwei Jahren ihre Kinder nicht mehr sehen und hören können.

Dass dem Zuwanderer in Kalifornien auch politischer Argwohn entgegenschlägt, dokumentiert ein Dekret, nach dem die Einwanderer von öffentlichen Einrichtungen ausgeschlossen werden sollten. 1994 sprachen sich 59 Prozent der Bevölkerung für das Referendum aus, das dann fünf Jahre später als verfassungswidrig erklärt wurde. Die Verordnung löste heftige Proteste aus.

Für seine publizistische Arbeit zum Rodney-King-Aufstand zeichnete man Tobar mit dem Pulitzer-Preis aus. Damals wurden vier Polizisten, die verdächtig waren, den Afroamerikaner Rodney King zu Tode geprügelt zu haben, freigesprochen. An dieser Stelle beginnt der Roman. Einen ersten Entwurf verfasste Tobar ab 1995, dem Geburtsjahr seines ältesten Sohnes. Doch die Rohfassung war ihm zu eindimensional. Das Thema blieb die Grundlage für die "Häuser der Barbaren", so der deutsche Titel.

Die Verbindung zu Hector Tobar kam durch den Verein Litprom zustande, der die Auseinandersetzung mit Literatur aus Asien, Afrika und Südamerika in den Fokus rückt. Judith Schleyer begleitete den Autor an die Bergstraße.

Übersetzungs-Workshop mit einem Profi

Den 30 Schülerinnen und Schülern des Goethe-Gymnasiums war der Lesestoff nicht unbekannt. Hector Tobar wählte aus seinem Roman "Barbarian Nurseries" die Auszüge aus, mit denen sich der Englischkurs vorab intensiv befasst hatte. In einem Workshop versuchten sie vormittags, unter Anleitung eines Profis den englischen Text ins Deutsche zu übertragen. Matthias Göritz ist Journalist, Buchautor und Übersetzer.

In kleinen Arbeitsgruppen steckte man die Köpfe zusammen, debattierte und rang um passende Formulierungen. "Ich hätte nie gedacht, dass das Übersetzen von Texten so schwer sein kann. Selbst wenn man die Vokabel kennt, muss man sich aus der Vielzahl von Synonymen für das Wort entscheiden, das am besten in den sprachlichen Fluss des Textes passen könnte", kommentierte ein Schüler.

Das Verstehen des englischen Textes und seine Übertragung ins Deutsche seien zwei völlig verschiedene Seiten einer Medaille.

Die Kollegen in seiner Arbeitsgruppe bestätigten, dass man sich recht blauäugig der Aufgabe gestellt hatte. Dass man in drei Arbeitsstunden vier bis fünf Seiten übersetzen könnte, habe sich schnell als Fehleinschätzung erwiesen. Zum Schluss habe man gerade mal ein Viertel geschafft.

Auch Vanessa erkannte, dass man zwar bei fehlenden Vokabeln die Lücke schnell füllen könne. "Doch jede Sprache hat ihren Ausdruck und jedes Buch einen individuellen Tonfall." Es sei schwer den speziellen Duktus zu treffen. "Und das Original bleibt immer interessanter als seine Übersetzung", fügte sie hinzu.

"Die eigene Sprache kommt einem im Prozess des Übersetzens fremd vor und der fremdsprachige Text vertraut", erklärte Matthias Göritz.

Am Ende soll eine gut lesbare Lektüre stehen, die möglichst genauso begeistert wie das Original.

"Barbarian Nurseries" ist bereits in einer deutschen, französischen, italienischen und polnischen Fassung erschienen. Tabor berichtet von zum Teil intensiven Kontakten zu Übersetzern. In Hunderten von E-Mails hätten sich einige die Bedeutung von speziellen Ausdrücken und spielerischen Sprachvariationen erklären lassen.

moni

© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 27.01.2014