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Diwan-Gespräche gibt es seit zehn Jahren / Heinrich Hillenbrand, Jürgen Charnitzky und Jürgen Rehm zu Gast

Lyrik und Wein zum Jubiläum

Diwan Jubilaeum 1Es sei ein Experiment, kündigte Dagmar Ecker vom Förderverein des Goethe-Gymnasiums an: Zur Jubiläumsveranstaltung am Dienstag anlässlich des zehnjährigen Bestehens der „Diwans“ in der Schule teilten sich vier Vortragende die Gestaltung des Abends. Experiment gelungen, musste man am Ende einfach sagen, denn die Mischung höchst unterschiedlicher Themen, Perspektiven und Vortragsstile bot dem Publikum in der Bibliothek des Gymnasiums neben vielen Informationen auch großen Unterhaltungswert.

„Lyrik & Wein“ war das Programm überschrieben, und so wurde vor, zwischen und nach den Vorträgen fleißig ausgeschenkt – drei Bergsträßer Gewächse und ein Portwein, den Schulleiter Jürgen Mescher aus Portugal mitgebracht hatte, wo er die vier vergangenen Schuljahre an einer deutschen Schule verbracht hatte.

Für die hiesigen Tropfen übernahm Heinrich Hillenbrand die Vorstellung und eine kurze Einführung zum Weinbau an der Hessischen Bergstraße, die als Weinbaugebiet so klein ist, dass sie nur etwa ein halbes Prozent der gesamten deutschen Rebfläche umfasst. Ausgewählt hatte Hillenbrand für den Abend drei Weine des Winzers Hanno Rothweiler, eines ehemaligen Goethe-Schülers. Zur Begrüßung gab es einen Rotling, der aus roten und weißen Trauben gemeinsam gekeltert wird, im Unterschied zum Rosé, der ausschließlich aus roten Rebsorten gemacht wird. „Ein nicht sehr häufiger Wein, ideal für einen leicht beschwingten Einstieg“, meinte Hillenbrand.

Insgesamt 37 Vorträge

Danach gab es einen Roten Riesling, eine Rarität, erklärte der ehemalige Leiter des Staatsweinguts in Bensheim, die als Urform des heute verbreiteten Rieslings angesehen wird. Da die roten Beeren bei Vögeln sehr beliebt gewesen seien, sei er vom weißen Riesling verdrängt und erst seit den 1990er Jahren wieder entdeckt worden. Schließlich gab es noch einen im Barrique ausgebauten Syrah, auch unter dem Namen Shiraz bekannt und damit nach Persien als Herkunftsland weisend – womit ein schöner Zusammenhang mit dem Titel der Veranstaltungsreihe – Diwan – hergestellt war.

Jürgen Charnitzky, Ideengeber und erster Organisator der Diwan-Gespräche, erinnerte in seinem Vortrag an die Geschichte der Veranstaltung, die 2009 als Gesprächskreis für Themen über den Schulalltag hinaus ihren Anfang nahm und seitdem in etwa vierteljährlichen Abständen durchgeführt wurde. Insgesamt 37 Vorträge waren das bis heute, zwölf davon beschäftigten sich mit Landeskunde und Reiseerfahrungen, acht mit Geschichte, Kultur und „Powi“, sechs mit Naturwissenschaft und Technik, die restlichen Vorträge verteilten sich auf die Sachgebiete Philosophie, Zeitzeugen, Literatur und Musik. Nachdem die ersten zwölf Veranstaltungen in Eigenregie der Lehrer organisiert worden waren, übernahm im Februar 2013 der Förderverein der Schule mit Jörg Fischer, Dagmar Eckert und Heinz-Jürgen Schocke die Regie. Seitdem wurden auch externe Fördergelder eingeworben und der Verein kommt für die Kosten für Anreise und Übernachtung der Referenten auf.

Waren die ersten vier Vorträge von Lehrern der Schule gehalten worden und inhaltlich meist vom wissenschaftlichen „Vorleben“ der Vortragenden bestimmt, so kam mit dem fünften Abend im November 2010 mit Laurien Wüst erstmals ein Schüler zu Wort. Er berichtete über die „Wirtschaftsmacht Südkorea: Eindrücke aus einem ostasiatischen Tigerstaat“.

Seitdem wird der Zyklus weiterhin häufig von den aktuellen oder ehemaligen Mitgliedern der Schulgemeinde bestritten, doch kamen Referenten wie der in den 1950er Jahren mit seiner Schulklasse aus der DDR nach Bensheim geflüchtete Dietrich Garstka („Pardon wird nicht gegeben – DDR“), die Zeitzeugin Frau Lasker-Wallfish („Holocaust, Diwan – spezial“) oder Fachleute mit Beiträgen zu aktuellen naturwissenschaftlichen Themen hinzu.

Ein Polstermöbel angeschafft

Bei der Jubiläumsveranstaltung griff Jürgen Rehm, bis vor fünf Jahren ebenfalls Lehrer am Goethe-Gymnasium, mit seinem Vortrag „Goethe & Hafiz“ die Namensgebung der Vortragsreihe auf. Jürgen Mescher und Jürgen Charnitzky hatten sich damals an den „West-östlichen Divan“ von Johann Wolfgang von Goethe erinnert. Der Doppelbedeutung des Begriffs Diwan gemäß wurde flugs ein entsprechendes Polstermöbel angeschafft, auf dem die Vortragenden Platz nehmen können.

Rehm machte darauf aufmerksam, dass das Jubiläum des „Diwan“ am Goethe-Gymnasium genau 200 Jahre nach Erscheinen der namenstiftenden Lyriksammlung gefeiert werde, die für den Dichter einen neuen Anfang nach einer tiefen persönlichen Krise bedeutet habe. In einer Zeit, in der Goethe den aufkommenden Hass auf Napoleon nicht teilen konnte, sich mit seiner Farbenlehre verkannt fühlte und vielfältigen Angriffen ausgesetzt war, begeisterte er sich für die deutsche Übersetzung des von dem persischen Dichter Hafis im 14. Jahrhundert verfassten „Diwan“ der kaum verschlüsselte Lobgesänge auf den Rausch und den Wein enthält, von denen der Referent Kostproben gab.

Goethe begeisterte sich für das orientalische Reimschema der Ghaselen, wandte sich vom Klassizismus ab und ging eine Beziehung mit der sehr viel jüngeren und verheirateten Marianne von Willemer ein, die als Suleika in den Dichtungen des „West-östlichen Divans“ auftaucht. Als Höhepunkt und Abschluss seines Vortrags spielte Jürgen Rehm auf einem etwa 90 Jahre alten Grammophon „Talismane“ in einer eindrucksvollen Vertonung der Goethe-Vorlage durch Robert Schumann ab.