Corona-Jahrgang mit Top-Durchschnitt

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Bei der Abiturfeier des Goethe-Gymnasiums in Bensheim haben am Mittwoch 120 Abiturientinnen und Abiturienten ihre Reifezeugnisse in Empfang genommen. Lediglich Tutoren und Schulleitung haben an der Veranstaltung teilgenommen, die wie schon im vergangenen Jahr in einer besonderen Dramaturgie stattgefunden hat: Die Absolventen waren auf die Mensa und die Sporthalle verteilt. Das Programm wurde in einer synchronisierten Video-Schalte in beide Räume übertragen. Auch Eltern, Freunde und Verwandte konnten sich von Zuhause aus in die Abschlussfeier einklinken.

Es habe etwas vom ZDF-Fernsehgarten, sagte Schulleiter Jürgen Mescher, der locker zwischen den benachbarten Örtlichkeiten hin- und her pendelte und so dem alternativen Format bei aller Distanz eine sehr unterhaltsame Note gab. Nichts wirkte bemüht oder künstlich, viele Schüler kommentierten das Fest als gelungene Variante angesichts der gegenwärtigen Situation. Die kleinen akustischen Hall-Effekte während der ersten Minuten waren schnell behoben.

Auf vieles verzichten müssen

Improvisation, Kreativität und Anpassungsgabe: Auch der Abi-Jahrgang 2021 war aufgrund der Corona-Pandemie in besonderer Weise gefordert. Die Absolventen hätten sich zwar ungleich mehr an Eigenverantwortung, Selbstorganisation und digitalem Know-how angeeignet als in einem normalen Jahr, aber auch auf wesentliche Aspekte des normalen Schulalltags verzichten müssen. Denn Schule sei nicht nur ein Raum des Lernens und Entdeckens, sondern auch ein Platz der menschlichen Nähe und der offenen Kommunikation

„Dies haben wir alle schmerzlich vermisst“, so Jürgen Mescher, der sich auch kritisch gegenüber der Politik äußerte: Viel zu oft habe man die Schüler nicht als Zukunft des Landes und Personen mit ebenbürtigen Rechten gesehen, sondern lediglich als „potenzielle Virenträger“. Sie seien dabei in ihren Lebenswelten massiv eingeschränkt worden, und dies vor allem zum Schutz anderer. Ihre eigenen Bedürfnisse kamen dabei zu kurz, so der Schulleiter.

Auf der anderen Seite hätten die jungen Leute im schulischen Alltag gelernt, mit komplexen Sachverhalten kritisch umzugehen und Dinge zu hinterfragen. „Damit sind sie nun hoffentlich gegen jede Art von Verschwörungstheorien gefeit.“ Mescher dankte bei diesem virtuellen Abschied den Eltern des Abiturjahrgangs sowie dem Kollegium des Goethe-Gymnasiums. Beide hätten die Voraussetzungen für den Prüfungserfolg geschaffen. Ein Extra-Dank ging an Studienleiter Jörg Lienaerts, der den Prüfungsbetrieb unter ständig wechselnden Bedingungen hervorragend organisiert habe.

Trotz der außergewöhnlichen Umstände konnte Jürgen Mescher am Mittwoch einen historischen Rekord vermelden: Mit einem Gesamtdurchschnitt von 1,98 rangiert die Schule nochmals deutlich unter den guten Werten der vergangenen Jahre. Mit dieser herausragenden Leistung im Rücken hätten die Absolventen nun alle Möglichkeiten, um sich selbst zu verwirklichen. Mit einem Zitat aus Goethes „Iphigenie“ verabschiedete er den Jahrgang: „Lebt wohl!“

Ironisch-provokante Rede

Eine ironisch-provokante und laut beklatschte Rede kam von Torsten Weis im Namen der Tutoren. In einem launigen Intro karikierte er die Corona-Schulzeit mitsamt den medial transportierten Klischees und Stereotypen, die im Kontext der Krise immer wieder laut geworden waren. Insgesamt war sein Beitrag aber ein einziges Lob an einen „stresstoleranten“ Jahrgang, der schneller und professioneller erwachsen werden musste als andere und dabei zwangsläufig auf viele wertvolle Erfahrungen verzichtet hat.

„Wer wird sich später schon an die Episoden des Online-Unterrichts erinnern?“ Durch die Pandemie sei klar geworden, dass Schule mehr ist als ein Lern-Raum, sondern vor allem ein Ort des gemeinsamen Erlebens und Austauschs. Diese elementare Qualität sei in digitaler Form aber kaum möglich, so Weis in der Mensa, wo das Kammerorchester unter der Leitung von Tina Behet für einen festlichen musikalischen Rahmen gesorgt hat. Den Abschluss machte die Abi-Band unter der Regie von Kevin Erdel.

Im Namen der Eltern lobten Maren Mikolon, Eva Roth und Sebastian Peetz die souveräne Art, wie die Schüler durch die Krise gekommen sind. Ohne Planungssicherheit und weitgehend ohne direkte Kontakte vor Ort habe man sich auf die Prüfungen vorbereiten müssen, von denen nicht fest stand, ob sie überhaupt stattfinden würden. „Ihr seid echte Organisationstalente.“ Zwei davon servierten die Schülerrede: Nicolas Guenther und Jannis Winter skizzierten ihre achtjährige Schulzeit „am Goethe“. Auch sie stellten persönliche Begegnungen ins Zentrum ihres Beitrags. „Wissen geht verloren, Freundschaften bleiben.“

Als besonderer Abi-Jahrgang werde man die eigene Biografie nach Corona weder leichtfertig noch panisch selbst in die Hand nehmen. „Wir können und wir werden Veränderungen in die Welt bringen“, so die beiden Absolventen im Namen ihrer Generation. Nach den Ehrungen für besondere Leistungen wurden die Abiturzeugnisse ausgegeben. Mit körperlichem Abstand, aber ohne persönliche Distanz.

Anstelle des traditionellen Goethe-Preises für außergewöhnliches Engagement wird in diesem Jahr – aufgrund der besonderen Umstände und der hervorragenden Leistungen – der gesamte Abiturjahrgang 2021 des Gymnasiums mit einem Kollektivpreis geehrt.

Thomas Tritsch Freier Autor