Auerbacher Weg 24, 64625 Bensheim 06251 770 630 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Goethe-Gymnasium Bensheim
Hessische Europaschule
Verein Goethe hilft mit e.V.
SoR - SmC

Wir müssen im Gespräch bleiben

Zeitzeugengespräch zur DDR und den Umbrüchen nach 1990 – Diwan-Gespräch in der Bibliothek des Goethe-Gymnasiums

Diwan Sonntag 1Am 3. März 2026 fand in der gut besuchten Bibliothek des Goethe-Gymnasiums Bensheim ein besonderes Zeitzeugengespräch im Rahmen der Diwan-Reihe des Fördervereins statt. Zu Gast war Gerhard Sonntag (Jahrgang 1951), der über sein Leben in der DDR und die tiefgreifenden Veränderungen nach der deutschen Einheit berichtete. Offen schilderte er die Repressalien in der DDR, die Freude über den Sturz des Regimes, aber auch die Ernüchterung nach der Wende. Sein Plädoyer: Menschen in Ost und West müssen im Dialog bleiben.

Moderiert wurde der Diwan-Abend von Gerhard Sonntags Schwiegertochter Janika Sonntag. Auch ihre Wurzeln sind in der DDR, heute ist sie Lehrerin am Goethe-Gymnasium. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen persönliche Erfahrungen aus Ostdeutschland vor und nach 1990 – Erinnerungen, die den Zuhörerinnen und Zuhörern eindrucksvoll vor Augen führten, wie sich politische Systeme auf das Leben einzelner Menschen auswirken können.

Gerhard Sonntag schilderte zunächst seine behütete Kindheit auf einem Dorf in der DDR. Eine Besonderheit seiner Jugend war, dass er – anders als fast alle Gleichaltrigen – keiner der staatlichen Jugendorganisationen angehörte. Sein Vater, Heinz Sonntag, hatte aufgrund eigener Erfahrungen im Nationalsozialismus eine klare Ablehnung gegenüber politischen Jugendorganisationen und untersagte seinem Sohn die Teilnahme an Gruppierungen wie den Jungpionieren, der Ernst-Thälmann-Pionierorganisation oder der FDJ. Für Gerhard Sonntag hatte dies spürbare Folgen: Als einziges Nichtmitglied wurde er in der Schule immer wieder ausgegrenzt und öffentlich bloßgestellt.

Ein besonders einschneidendes Ereignis für die Familie war der Fluchtversuch seines 17-jährigen Bruders über die ungarisch-österreichische Grenze. Der Bruder wurde gefasst und zu 18 Monaten Haft verurteilt, später jedoch von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Trotz der politischen Brisanz blieb die Familie glücklicherweise von staatlichen Repressalien verschont.

Auch beim Zugang zu Bildung zeigte sich die enge Verknüpfung von Politik und Lebensweg in der DDR: Für ein Studium war faktisch eine politische Loyalität erforderlich. Gerhard Sonntag trat deshalb – ohne Wissen und gegen den Willen seines Vaters – kurzzeitig der FDJ bei. Da er jedoch keine Mitgliedsbeiträge zahlte, wurde er später wieder ausgeschlossen. Eine Zeit lang engagierte er sich außerdem in der Massenorganisation Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Als jedoch unter Michail Gorbatschow Reformen wie Glasnost und Perestroika aufkamen, die der DDR-Führung zu weit gingen, distanzierte auch er sich von dieser Organisation.

Der Fall der Berliner Mauer im November 1989 kam für ihn und seine Familie völlig überraschend. Zugleich eröffnete er neue Möglichkeiten der Begegnung und führte zu einer Wiederannäherung von Familienmitgliedern auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze.

Neben seinen beruflichen Erfahrungen engagierte sich Gerhard Sonntag auch gesellschaftlich, etwa im „Runden Tisch St. Egidien“, einem lokalen Diskussionsforum, das im Zuge der politischen Umbrüche ab Dezember 1989 entstand. Besonders eindrücklich berichtete er von seiner Arbeit beim Fräsmaschinenhersteller Heckert in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), wo er als Betriebsratsvorsitzender die Transformationsprozesse der 1990er Jahre unmittelbar miterlebte. Die Umstrukturierungen im Zuge der Arbeit der Treuhandanstalt führten zu massivem Stellenabbau und tiefgreifenden wirtschaftlichen Einschnitten.

Gerhard Sonntag selbst empfand diese Jahre als sehr belastend. Während seiner Zeit als Betriebsratsvorsitzender musste er immer wieder Entlassungen begleiten – allein zwischen 1990 und 1993 schrumpfte die Belegschaft des Unternehmens von rund 4300 auf 960 Beschäftigte. Viele Betroffene hätten diese Veränderungen als schmerzhaft erlebt – Erfahrungen, die bis heute nachwirken.

In seinen Ausführungen machte Gerhard Sonntag deutlich, dass die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen für viele Menschen in Ostdeutschland ambivalent waren. Die tiefen Einschnitte hätten teilweise dazu geführt, dass positive Erfahrungen mit Demokratie nicht selbstverständlich entstanden seien. Auch deshalb werde der Prozess von manchen nicht als „Wiedervereinigung“, sondern eher als „Beitritt“ oder „Übernahme“ wahrgenommen.

Im Anschluss an das Gespräch nutzten zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Diskutiert wurde unter anderem, welche Fehler während der Wendezeit gemacht worden seien und welche Entwicklungen daraus bis heute nachwirkten. Zugleich wurde angeregt, den Kontakt zu Schulen in den neuen Bundesländern aufzunehmen und gegenseitige Besuche zu organisieren, um durch Austauschprogramme gegenseitige Einblicke in unterschiedliche historische Erfahrungen zu ermöglichen.

Zum Abschluss bedankten sich das Publikum und der Förderverein herzlich bei Gerhard Sonntag und Janika Sonntag für das offene Gespräch und die persönlichen Einblicke in eine Zeit, die die deutsche Geschichte bis heute prägt. Das Zeitzeugengespräch zeigte eindrucksvoll, wie wichtig persönliche Erinnerungen sind, um historische Entwicklungen lebendig und nachvollziehbar zu machen.